Ein Gespräch zwischen Christian und Jonathan Lux
Christian: Ich möchte die Zehn Gebote jetzt mal nicht christlich für mich auslegen, sondern beleuchten, was ursprünglich mit ihnen gemeint war. Und da fasziniert mich zuerst, wie frei diese Gebote sind. Es wird kein Gesetzgeber in Szene gesetzt, es werden keine Rechte formuliert, und es geht nicht einmal um Moral. Es sind Handlungsregeln. Was die Leute dabei denken, ist den Tafeln egal. Man kann neidisch sein, man kann verlogen sein, geregelt wird nur, was man tut.
Jonathan: Und es geht auch nicht um himmlische Zusammenhänge, sondern ums Zusammenleben. Die Begründung steht genau einmal, ganz vorn im Prolog: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat.“ Danach folgen fast listenartig nackte Handlungsanweisungen, ohne moralische Dauerbeschallung. Selbst das Sabbatgebot, das so fromm wirkt, hat einen handfesten sozialen Kern. Gehen wir die Gebote der Reihe nach durch?
1. „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“
Ich bin der HERR, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus einem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
(Zürcher Bibel, 5. Mose 5,6f)
Christian: Seit dem Konfirmandenunterricht habe ich geglaubt, dass dieses Gebot bedeutet: Es gibt nur einen Gott, den Schöpfer, auf den man vertrauen muss. Inzwischen habe ich durch archäologische Funde etwas anderes gelernt. In der Volksfrömmigkeit der Israeliten, jedenfalls vor Manasse und der assyrischen Invasion, war Jahwe verheiratet, und zwar mit Aschera, sozusagen der heißesten Braut am orientalischen Götterhimmel. An den Hainen und Altarstätten auf den Hügeln bei den Dörfern, wo man Jahwe verehrte und ihm opferte, stand daneben eine Stele für seine Frau.
Jonathan: Diese Doppelstruktur ist tatsächlich belegt. Inschriften wie die von Kuntillet Ajrud und Khirbet el-Qom sprechen von „Jahwe und seiner Aschera“, als sei sie seine Gefährtin, und oft war derselbe Priester für beide zuständig. Das erste Gebot wäre dann ursprünglich keine philosophische Lehre, dass es im Universum nur einen Gott gibt. Es wäre eine ganz konkrete Kampfansage an diese gelebte Praxis: Jahwe braucht keine Partnerin, keine Götterfamilie neben sich. Das erklärt auch, warum die spätere Reform unter Josia so radikal gegen Ascheren und Höhenheiligtümer vorgeht. Sie setzt dieses Gebot gegen eine jahrhundertelange Praxis durch, bis hin zum Ascherabild im Jerusalemer Tempel, das nach dem Zweiten Königsbuch erst unter Josia entfernt wurde.
Christian: Und dabei ist ein ziemlich frauenfeindliches Manifest herausgekommen. Es gab Frauen, die in der Königsfamilie offenbar für nötig hielten, dass auch Frauen etwas zum Verehren haben, und ihre Aschera-Verehrung ist bezeugt.
Jonathan: Eine bittere Pointe: Vorher gab es wenigstens symbolisch ein weibliches Element neben dem männlichen Gott, danach war der Himmel komplett männlich besetzt. Diese Leerstelle hat die Theologie- und Kirchengeschichte lange geprägt.
2. „Du sollst dir kein Bildnis machen“
Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist.
Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Vorfahren heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation, bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist Tausenden, bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.
(5. Mose 5,8ff)
Christian: Auch das hat altisraelitische Hintergründe, nämlich die beiden Stierbilder des Nordreichs, in Bethel und in Dan. Sie sollten Jahwe repräsentieren, und aus ihnen wurde später das „goldene Kalb“. Wie sie genau gemeint waren, ist schwierig. Der Stier trägt ja auch Mondhörner und ähnliche Symbole, da kenne ich mich nicht genau aus.
Jonathan: Im Alten Orient war der Stier meist nicht die Gottheit selbst, sondern das Reittier oder Postament, auf dem die unsichtbare Gottheit thront, ähnlich wie die Keruben auf der Bundeslade. Jerobeam wollte vermutlich keinen anderen Gott einführen, sondern ein eigenes Jahwe-Symbol als Gegengewicht zu Jerusalem. Die Chronisten aus dem Süden haben daraus später glatten Abfall gemacht. Das Bilderverbot richtet sich dann vor allem dagegen, Jahwe selbst in ein greifbares, stehendes Bild zu bannen und ihn festzunageln, statt ihn als den Unverfügbaren zu lassen, der mitzieht.
Christian: Und das bleibt bis heute aktuell, bei all den Bildern und Metaphern, die wir uns machen. Wir müssen uns etwas vorstellen, aber bei Gott reicht keine einzelne Vorstellung. Jedes Bild kann wieder geändert werden, weil er einfach zu umfassend, zu groß ist.
Jonathan: Jedes Bild ist bestenfalls ein Fingerzeig, nie die Sache selbst. Das ist eine fast schon apophatische, sehr moderne Pointe in einem uralten Text.
3. „Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen“
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
(5. Mose 5,11)
Christian: Hier habe ich viel von Adolf Holl gelernt, der den hebräischen Text näher ausgedeutet hat, im Sinne Martin Bubers: Du sollst Gott nicht auf das Wahnhafte hin verehren.
Jonathan: Das passt zum Wortlaut. Das hebräische „schaw“ bedeutet das Nichtige, Leere, den Trug. Manche Übersetzungen sagen darum „zu Nichtigem aussprechen“. Es geht also weniger um Kraftausdrücke und Flüche, sondern um etwas viel Gefährlicheres. Buber beschreibt das sinngemäß so: Menschen zeichnen Fratzen und schreiben „Gott“ darunter, sie morden einander „im Namen Gottes“. Aber wenn aller Wahn und Trug zerfällt und ein Mensch im einsamsten Dunkel nicht mehr „Er“ sagt, sondern „Du“ schreit, dann ruft er den wirklichen, lebendigen Gott an.
Christian: Gott darf nicht zur Legitimationsformel für die eigene Wahnidee werden.
Jonathan: Goldene Kälber des Geldes, der Macht, des Krieges unter dem Deckmantel Gottes. Das dritte Gebot ist so eine Fortsetzung des Bilderverbots auf der Ebene der Sprache und der Ideologie.
4. „Gedenke des Sabbats“
Halte den Sabbattag, und halte ihn heilig, wie der HERR, dein Gott, es dir geboten hat.
Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun; der siebte Tag aber ist ein Sabbat für den HERRN, deinen Gott. Da darfst du keinerlei Arbeit tun, weder du selbst noch dein Sohn oder deine Tochter oder dein Knecht oder deine Magd oder dein Rind oder dein Esel oder all dein Vieh oder der Fremde bei dir in deinen Toren, damit dein Knecht und deine Magd ruhen können wie du.
Und denke daran, dass du Sklave gewesen bist im Land Ägypten und dass der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbattag zu halten.
(5. Mose 5,12ff)
Christian: Dazu kann ich wenig sagen, außer dass das Ruhegebot in und nach der Exilszeit in der Diaspora das Erfolgsrezept des Judentums war. Die anderen Völker sahen, wie sich die Juden mit Cleverness, Fleiß und Mühe aus der Asche wieder aufrichteten und sich dabei auch noch einen Ruhetag pro Woche gönnten. Und zwar nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Frauen, ihren Kindern, ihren Sklaven und ihrem Vieh.
Jonathan: Das war im Alten Orient völlig unerhört, wo Sklaven und Tagelöhner durcharbeiteten, bis sie umfielen. Pharao und Sklave, Mann und Frau, Israelit und Fremder im Tor, alle bekommen denselben freien Tag. Das ist keine fromme Innerlichkeit, sondern handfeste Sozialpolitik, als Gottesgebot verpackt, damit sie niemand wieder abschaffen konnte. Eine Art ältestes Arbeitsschutzgesetz.
Christian: Und ich finde es schön, dass beide Begründungen in der Bibel erhalten geblieben sind, dass alle Geschöpfe Ruhe brauchen und selbst Gott ruht, wie es in der Fassung des 2. Buches Mose steht. Und dann hier ganz anders im 5. Buch Mose (das ja das ältere ist).
Beide haben ihr Recht. Mensch und Tier brauchen Ruhepausen.
Jonathan: Die eine Fassung verankert die Ruhe in der Schöpfung, im Rhythmus der Welt selbst. Die andere sagt: Wer selbst Sklave in Ägypten war, soll Sklaverei keinem anderen zumuten. Zusammen ergibt das: Ruhe ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht, im Kosmos wie in der Geschichte verwurzelt.
5. „Du sollst Vater und Mutter ehren“
Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie der HERR, dein Gott, es dir geboten hat, damit du lange lebst und es dir gut geht auf dem Boden, den der HERR, dein Gott, dir gibt.
(5. Mose 5,16)
Christian: Das Schöne ist, dass die Mutter ausdrücklich dabeisteht, denn in der patriarchalischen Ordnung der alten Israeliten wäre der Vater die Selbstverständlichkeit gewesen. Das Zweite, was ich gelernt habe: Das ist ein Gebot für Erwachsene und weniger für Kinder. Es geht nicht darum, dass Kinder immer brav zu den Eltern sind. Solange sie klein und schwach sind, dürfen sie auch schreien, denn wie sollen sie sich sonst wehren, wenn Eltern Dinge verlangen, die Kinder nicht leisten können? Umgekehrt greift das Gebot am meisten, wenn die Eltern schwach und alt sind.
Jonathan: Ein entscheidender Perspektivwechsel: Das Gebot richtet sich an Erwachsene, die selbst in der Position der Stärke sind. Wenn die Eltern gebrechlich und pflegebedürftig werden und zur Last, dann soll die Ehrung greifen, wenn es unbequem wird, nicht wenn es leicht fällt. In einer Zeit ohne Rente und ohne Pflegeversicherung war die einzige Absicherung im Alter die eigene erwachsene Familie. Das Gebot ist im Grunde das älteste Sozialversicherungsgesetz für Alte. „Ehren“ heißt dann ganz praktisch: versorgen, nicht wegschieben, nicht verstoßen, wenn sie nichts mehr „leisten“ können. Und die Mutter gleichrangig zu nennen, gibt ihr einen eigenen Anspruch auf Ehrung, nicht nur abgeleitet über den Mann.
Christian: Dazu gibt es im Alten Testament eine seltsame Asymmetrie. Eltern wird gesagt, sie sollen ihre Kinder lieben, aber die Kinder sollen Vater und Mutter ehren.
Jonathan: Psychologisch ziemlich klug: Liebe lässt sich kaum befehlen, Respekt und Fürsorge schon. Man kann seinen Eltern Achtung erweisen und für sie sorgen, auch wenn man gerade wütend auf sie ist oder sie einem wehgetan haben. Das Gebot verlangt keine erzwungene Zuneigung, sondern eine Haltung, die auch bei Spannungen trägt.
6. „Du sollst nicht töten“
Du sollst nicht töten.
(5. Mose 5,17)
Christian: Hier wird eigentlich das Morden verboten. Bei Kriegshandlungen ist es nicht so eindeutig, ob sie damit gemeint sind.
Jonathan: Philologisch ist das ziemlich klar. Das Verb „ratzach“ bezeichnet nicht jedes Töten, sondern Mord und widerrechtliche Tötung innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Für Krieg und Hinrichtung kennt das Hebräische andere Verben. Das Gebot ist ein Rechtsfriedensgebot, kein Pazifismus-Statement. Die Bibel erzählt ja munter von Kriegen und Hinrichtungen, ohne darin einen Widerspruch zum sechsten Gebot zu sehen.
Christian: Und an dieser Stelle wird später ziemlich deutlich, wo der Unterschied in der Lesart zwischen christlichem und jüdischem Bereich liegt.
Jonathan: Im Judentum bleibt das Gebot meist eng beim Rechtsbegriff, eingebettet in ein ganzes Rechtssystem mit Regeln für Krieg, Notwehr und Todesstrafe. Im Christentum wird daraus, besonders seit der Bergpredigt und in pazifistischen Traditionen, oft eine viel weitere, fast absolute Maxime gegen jede Tötung, bis hin zu Kriegsdienstverweigerung und Todesstrafen-Ablehnung. Derselbe hebräische Text, zweimal unterschiedlich weitergeführt.
7. „Du sollst nicht ehebrechen“
Du sollst nicht ehebrechen.
(5. Mose 5,18)
Christian: Das war schon immer ein sehr schwieriges Gebot, weil es unterschiedliche Gründe gab, die schwer aufzulösen waren. Man sieht es schon an den Auseinandersetzungen zwischen Jesus und den Gesetzeslehrern.
Jonathan: Ja, etwa im Streit um die Scheidung, zwischen den Schulen Schammais und Hillels. Aber ursprünglich war Ehebruch vor allem ein Vergehen gegen das Eigentums- und Erbrecht des Mannes. Die Logik war ökonomisch und erbrechtlich, nicht moralisch im heutigen Sinn. Eine Frau gehörte zunächst rechtlich in den Verfügungsbereich ihres Vaters, dann ihres Mannes, nicht im Sinne von Sklaverei, aber der Mann kontrollierte ihre sexuelle Verfügbarkeit, weil davon abhing, wessen Kind sie zur Welt bringt. Schlief eine verheiratete Frau mit einem anderen, wurde die Erbfolge unklar, und der Zusammenhang des Clans geriet durcheinander. Deshalb galt es als Verbrechen gegen den Ehemann, fast wie ein Diebstahl. Ein Mann dagegen, der mit einer unverheirateten Frau schlief, gefährdete keine fremde Erbfolge. Er beging höchstens ein Vergehen gegen deren Familie, das man meist mit Geld oder einer Heirat regelte, aber nicht als Ehebruch im technischen Sinn.
Christian: Eine Schieflage, die man den Lesern erklären muss, damit sie verstehen, wie sie überhaupt gerechtfertigt werden konnte.
Jonathan: Aus heutiger Sicht ist die Logik zutiefst einseitig. Jesus rüttelt in der Bergpredigt genau daran: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen.“ Damit holt er das Gebot aus der reinen Rechtssphäre heraus und verlegt es in die Haltung. Er spricht den Mann an, der jetzt selbst Verantwortung für sein Begehren trägt und es nicht mehr der Frau als „Verführung“ anlasten kann. Und er verbietet die leichtfertige Scheidung, mit der Männer ihre Frauen aus geringstem Anlass loswerden konnten. Das ist eine deutliche Verschiebung vom Besitzdenken zu gegenseitiger Treue.
8. „Du sollst nicht stehlen“
Du sollst nicht stehlen.
(5. Mose 5,19)
Christian: Das ist relativ einfach. Auch da geht es um Besitz, der geschützt werden soll, ein offensichtliches Gebot.
Jonathan: Ein Teil der jüdischen Auslegung, etwa im Talmud, liest es als Verbot des Menschenraubs, also der Entführung und Versklavung eines freien Israeliten. Das passt in die Reihe, denn davor steht das Tötungsverbot, danach das falsche Zeugnis, beides schwere Verbrechen gegen die Person. Für kleineren Sachdiebstahl gibt es im Bundesbuch eigene, detaillierte Regelungen.
Christian: Wenn ich mir vorstelle, ein Israelit im Jahr 600 vor Christus zu sein, dann hat auch die einfache Auslegung ihren Sinn.
Jonathan: Beide Lesarten dürfen nebeneinander stehen. Im Alltag fiel beides unter den Schutz des Nächsten: sein Leib und sein Hab und Gut.
9. „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“
Und du sollst nicht als falscher Zeuge aussagen gegen deinen Nächsten.
(5. Mose 5,20)
Christian: Das ist zunächst kein Verbot zu lügen. Das sollten wir klarstellen. Es ist ein Gebot, in einem Verfahren oder öffentlich gegen jemanden keine falsche Aussage zu machen, also Rufmord, Verleumdung oder Online-Shaming, wie man das heute nennt.
Jonathan: Es geht um den gerichtlichen oder quasi-gerichtlichen Kontext, die Aussage vor den Ältesten im Stadttor, wo über Leben, Eigentum und Ehre entschieden wurde. In einer Kultur ohne Polizei und ohne forensische Beweismittel war die Zeugenaussage oft das Einzige, was zwischen einem Menschen und seiner Hinrichtung oder Ächtung stand. Darum sieht das Deuteronomium für falsche Zeugen die Strafe vor, die sie dem Angeklagten zugedacht hatten. Das allgemeine „Du sollst nicht lügen“ kommt erst später als erweiterte Lesart dazu, ähnlich wie beim Tötungsverbot.
10. „Du sollst nicht begehren“
Und du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren und sollst nicht verlangen nach dem Haus deines Nächsten, nach seinem Acker oder seinem Knecht oder seiner Magd, nach seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.
(5. Mose 5,21)
Christian: „Begehren“ halte ich für den falschen Ausdruck. Begehren darf jeder Mensch, in den Zehn Geboten wird nicht verboten, was man innerlich fühlt oder wohin man strebt, sondern was man tut. Das lese ich so im Text. Gemeint ist, dass ich versuche, mir das Eigentum und die Energie der Nachbarn und anderer Leute unter den Nagel zu reißen, ohne eines der vorigen Gebote zu brechen: Erbschaftsstreitigkeiten, Betrug, Mobbing. Luther hat das einmal wunderbar auf den Punkt gebracht. Das zehnte Gebot gilt vor allem denen, die sich am Grab ihrer Vorfahren aus Gier gegenseitig kaputtmachen.
Jonathan: Ein starkes Bild: Kaum ist der Sarg in der Erde, beginnt der Streit ums Erbe, Geschwister gegen Geschwister, alles noch im scheinbar Legalen und doch zerstörerisch bis ins Mark der Familie. Das zehnte Gebot wäre dann eine Generalklausel, die genau die Lücken der vorigen, sehr konkreten Gebote schließt: ein Schutz vor der cleveren, legalen Gier, die sich nicht fassen lässt und doch zerstört. Vom Verhältnis zu Gott am Anfang bis zu dieser sehr menschlichen Schwachstelle am Ende.
Ausblick: Warum später die Vergeistigung?
Christian: Ich habe eine sehr konkrete Theorie, warum Jesus die Gebote verinnerlicht und verschärft hat. Die Rabbinen haben das auch gemacht, möglicherweise aus anderen Gründen. Aber für Jesus steht alles im Kontext des Reiches Gottes. Die Zehn Gebote sind für ihn nicht mehr einfach soziale Regeln, wie wir das Zusammenleben auf die Reihe kriegen, sondern Regeln, die für Engel gelten sollen, die Perfektion des Himmelreichs. „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Das ist, glaube ich, gemeint: nicht nur nicht falsch schwören, sondern gar nicht lügen. Nicht nur nicht töten, sondern nicht einmal einander verfluchen. Nicht nur nicht die Ehe brechen, sondern eine Person nicht einmal mit Lust ansehen. Das schaffen nur Engel.
Jonathan: Das passt zu dem, wie Jesus vom Reich Gottes sprach: nicht als ferner Himmel, sondern als etwas, das „schon jetzt, aber noch nicht“ anbricht. Er zieht die Maßstäbe der vollendeten Welt in die gegenwärtige hinein, nicht als erfüllbare Checkliste, sondern als Richtung, als Sog. Es wäre die Beschreibung dessen, wie Menschen lebten, wenn Gottes Herrschaft schon ganz unter ihnen wäre. Und das erklärt, warum bei Jesus gleichzeitig Gnade und Vergebung so zentral bleiben: Diese engelgleiche Vollkommenheit schafft niemand aus eigener Kraft.

Hier geht’s zu Jonathans Zehn-Gebote-Quiz!













