Kassel, die zweite: Hilfe, wir ha’m die Kollegen geflasht!

Die Fortbildung

Am 1.3.2018 startete eine ALPIKA-interne Monsterfortbidlung, die ihren Ausgang in einem EKD-Synodalbeschluss (von 2014, wenn ich recht erinnere) nahm und seitdem langsam Gestalt annahm. Ihr Titel:

ALPIKA digital 2018 – Online in den Instituten

Ziel ist es erst einmal, die religionspädagogischen Institute der EKD-Gliedkirchen zukunftsfähig zu machen. Denn an den Schulen wird „digitale Bildung“ massiv gefördert. Es ziehen ganz neuartige Geräteparks ein, mit denen Berufsanfänger sicherer und vertrauter umgehen können als mit den traditionellen, didaktischen Instrumentarien und Methoden. Letztere jedoch stehen bei dem Fortbildungsangebot der Kirchen stark im Vordergrund. Damit wird man in ein paar Jahren vielleicht noch alte Hasen begeistern, aber auf die jüngeren Lehrkräfte werden sie immer altbackener wirken und keinen Anreiz mehr bieten, unsere Veranstaltungen zu besuchen.
Der kirchlichen Lehrer-Fortbildungsarbeit stehen finstere Zeiten bevor, wenn sich nicht schleunigst etwas an der (fehlenden) Kompetenz der FortbildnerInnen im technischen, fachdidaktischen und methodischen Umgang mit den neuen, digitalen Medien ändert.

Viele Mitarbeitende der religionspädagogischen Institute der EKD-Gliedkirchen – ja, sogar ganze Institute – verschließen die Augen vor dieser Entwicklung und meinen, sie könnten etwas mit Abwarten gewinnen oder diese Angelegenheit bis zum persönlichen Ruhestand aussitzen.

Andere sehen da klarer.
So kam es, dass sich 34 religionspädagogische Mitarbeitende aus den Instituten in Kassel zur Auftaktveranstaltung der oben erwähnten Fortbildung einfanden, mit der Absicht, die unbekannte Welt digitaler Bildungsmedien, Vernetzung und Kommunikation zu erschließen und in Zukunft einzusetzen.

Das Konzept

In einem langen Vorbereitungsanlauf war ein Blended-Learning-Konzept entwickelt worden, das mich persönlich überzeugt hat und während der Auftaktveranstaltung auch bei etlichen Teilnehmenden für leuchtende Augen sorgte, als sie verstanden, dass sie von „Alpika digital 2018“ für ihre Arbeit unmittelbar profitieren können.

Hier eine grafische Übersicht des zeitlichen Ablaufs:

Um die Grafik in voller Größe anzuzeigen, bitte aufs Bild klicken!

Grob gesagt gliedert sich die Fortbildung in einen ersten Online-„Bims“-Teil, in dem man vieles lernen und ausprobieren muss, und in einen zweiten Online-Teil, in dem man quasi die Ernte des ersten Teils einfährt: Dort kann man Projekte für die eigene, berufliche Praxis konzipieren, in denen das Erlernte ein- und umgesetzt wird.

Unsere Hoffnung ist also, dass die Teilnehmenden nicht nur kompetenter aus der Fortbildung herauskommen, sondern am Ende auch mit Werkzeugen ausgestattet sind, die sie selbst für ihr eigenes, berufliches Umfeld maßgeschneidert haben.

Die Auftaktveranstaltung

fand vergangene Woche im Haus der Kirche in Kassel statt.

Die Auftaktler bei der Arbeit (1.3.18)

Da ich zu den Referenten gehöre, kann ich die Erwartungen, die wir bzw ich an diese Tagung hatte, ganz gut mit dem vergleichen, was hinten herausgekommen ist – also meinen Erfahrungen.

Den wichtigsten Eindruck spiegelt der Titel dieses Artikels wider:

"Hilfe, wir ha'm die Kollegen geflasht!"

Vielleicht hätte man den Effekt noch etwas abfedern können, aber ganz zu vermeiden war er wohl nicht, angesichts der vielen Bereiche, in denen bei unseren Instituten „digitale Ausbaufähigkeit“ besteht:

Die TeilnehmerInnen wurden von den vielen neuen Möglichkeiten, Techniken, Begriffen und Konzepten regelrecht überrollt und plattgemacht – geflasht eben. Dies löste teilweise Begeisterung aus – zB für die Idee, haufenweise Fahrtkostengelder mit Videokonferenzen zu sparen -, gleichzeitig fühlten sich einige auch überrollt und in Panik versetzt, wenn sie noch nicht wirklich verstanden, welche Wunderdinge da über sie hereinbrachen, während gleichzeitig die Technik versagte (meist infolge einer nicht funktionierenden Onlineverbindung).

Zum Glück besitzt der Kurs genügend ModeratorInnen und erstreckt sich über einen so langen Zeitraum, dass sich ganz sicher alle Probleme, von denen ich weiß, auch lösen lassen werden, und es darum eine falsche Entscheidung wäre, wenn jemand traumatisiert die Flucht aus dem Kurs ergreifen würde.

Einen zweiten Eindruck könnte man so formulieren:

Hey, die kommen ja mit ambitionierten Plänen an!

Dass unsere Kursteilnehmerinnen zT schon genaue Vorhaben in der Tasche hatten und sehr wohl wussten, was ihre Ziele für die berufliche Zukunft sind, verblüffte mich, weil ich dies aus Lehrerfortbildungen so nicht kenne. Aber eigentlich ist es logisch, dass man sich in den Instituten schon früh Gedanken darüber macht, auf welche Weise man solch eine so aufwändige Fortbildung nutzen will.

Und das ist auch gut so: Wir Moderatoren werden in den kommenden Wochen genau zuhören und unsere digitalen Füllhörner ggf auch umfüllen, um den Teilnehmenden dabei zu helfen, ihre Pläne zu verwirklichen.

Mich persönlich überraschte es besonders, wie viele Teilnehmende sich dafür interessierten, auf ein Lernmanagementsystem gestützte Online-Kurse zu entwickeln – denn dies erfordert gleichermaßen didaktische und technische Kompetenz sowie ein gerüttelt Maß an Ausdauer und Entwicklergeist.
Gleichzeitig freut es mich, denn es zeigt, dass sich die Institute um die Zukunft der religionspädagogischen Fortbildung in den evangelischen Gliedkirchen Gedanken machen. Es steht ja außer Frage, dass raue Zeiten auf die Institute zukommen, wenn einmal die kirchlichen Mitarbeiter aus dem Babyboomer-Zeitalter in Rente gegangen sind, und dass dann eine gute Online-Infrastruktur mit Materialrepositorien, Tutorials und landeskirchenübergreifenden Kursen helfen muss, den kommenden Personalnotstand auszugleichen.

Hier stand einmal eine Grafik, die die Geburts- und Rentenalter der Babyboomer verdeutlichte
Quelle: Ulrich Berger und Christoph Stein auf Telepolis – klicke auf die Grafik, um den Artikel zu lesen.

Startschuss

Ich kam nach diesem Auftakt völlig fertig (aber auch irgendwie zufrieden) zuhause an.
Nächste Woche geht die Arbeit weiter: Wir werden die frisch eingerichteten Informationskanäle in Schwung bringen und die für die Geländephase nötigen Vorbereitungen treffen.

Ich hoffe sehr, dass möglichst viele Teilnehmende von diesem Kurs profitieren, hinterher mit reichen Schätzen bepackt und voller Tatendrang ihre stark erweiterten Kompetenzen umsetzen, den Ferngebliebenen eine Nase drehen und sie anstacheln, bei der nächsten ALPIKA-digital-Fortbildung dabei zu sein.

Quelle: Pixabay (CC0)

3 Kommentare

  1. Lieber Christian, ich war dabei und ich war zunächst geflasht, aber auch „angefixt“, wie man so schön in neudeutscher Sprache sagt. acht Euch keine Sorgen – wir bekommen das schon miteinander hin! (Ich habe es z.B. jetzt geschafft, sowohl einen QR Scanner, als auch rocket chat auf meinem Handy zu installieren 😉 ).
    Mich wundert in Zeiten der Kompetenzorientierung eher, dass Du/Ihr nicht darauf vorbereitet wart, dass Menschen mit konkreten Zielen und Vorstellungen zu so einer Fortbildung fahren. Wir im RPZ Heilsbronn sind gerade dabei unsere angebotenen Kurse kompetenzorientiert anzulegen (in Bayern kommt das ja jetzt erst so langsam an 🙂 ). Ein Punkt ist uns dabei ganz wichtig: Die Leute, die zu Fortbildungen kommen, bringen bereits Kompetenzen mit und haben sich bewusst zu einer Fortbildung angemeldet, die sie zumindest interessiert für ihr Arbeitsfeld. Wir richten unsere Anfangsphasen nun möglichst so ein, dass die Teilnehmenden sich mit ihren eigenen Kompetenzen beschäftigen und dann möglichst klar formulieren, was sie von dem Kurs für sich mitnehmen möchten. Das ist ein Prozess, der für viele ziemlich ungewohnt ist und es dauert lange, bis sie begreifen, was wir von ihnen möchten und sie ihre Ziele auch formulieren können. Aber genau mit dieser Haltung bin ich nach Kassel gefahren: ich kenne meine Arbeitsfelder und weiß, welche neuen Kompetenzen ich dafür erwerben möchte. Und eine davon ist: Präsenzkurse digital zu begleiten, z.B. um im Vorfeld bereits bei den Kursteilnehmenden abfragen zu können, mit welchen Bedürfnissen und Zielen sie in den Kurs kommen und diesen dann dementsprechend gestalten zu können. Und das bietet Ihr ja auch an. Vielen Dank für all Eure Gedanken, Vorbereitung und Bemühen um uns, die wir zum großen Teil völliges Neuland betreten!

    1. Klingt gut, wie ihr das in Heilsbronn anlegt! So mache ich das auch bei medienpädagogischen Fortbildungen in der Pfalz und nötige die Teilnehmenden, schriftlich zu formulieren, was sie am Ende kennen bzw können möchten, bekomme aber meistens die Reaktion: „Wie? ICH soll das formulieren? Ich weiß doch noch gar nicht genau, was ich will …“
      Bei ALPIKA digital dient ja die zweite, fünfwöchige Kurshälfte dazu, genau diese Pläne zu realisieren, und unsere nächste Präsenzveranstaltung wäre wohl auch der geeignete Ort/Zeitpunkt, um klare Ziele zu formulieren und ggf Bundesgenossen zu finden, die in die gleiche Richtung streben.

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