Twittern wie Luther – rpi-virtuell auf dem Markt der Möglichkeiten

Ein Rückblick auf mein erstes, richtig großes Messeabenteuer.

Vorbereitung

Im vergangenen Herbst wurde ich gefragt, ob ich Interesse hätte, auf dem Kirchentag in Berlin beim Standdienst mitzuhelfen. Die Hotelübernachtung samt Frühstück würde finanziell vom Comenius-Institut übernommen. Als Ausgleich könnte ich meine schon recht soliden Kenntnisse von rpi-virtuell an interessierte Messebesucher weitergeben – was auch noch eine Hausaufgabe bedeutete: Denn im Herbst war der neue Materialpool von rpi-virtuell noch gar nicht fertiggestellt. Gerade dieses zukünftige Flaggschiff-Werkzeug sollte anlässlich des Kirchentages einer größeren Öffentlichkeit erstmals bekannt gemacht werden. Daraus ergab sich, dass der ambitionierte Messehelfer sich möglichst kurz vor dem Kirchentag noch umfassend über dieses neueste Feature von rpi-virtuell kundig machen musste.

Auf dem Markt der Möglichkeiten

Bei rpi-virtuell hatte man sich als Stand-Attraktion zwei Specials ausgedacht:

  1. Gezielte Materialtipps im Postkartenformat
  2. Twittern wie Luther

Bei den Materialtipps handelte es sich um grafisch „sprechend“ aufbereitete Themenkarten (zB Trauer in der Schule, kostenlos herunterladbare Bilder, ein „Gabentool“, bei dem Schüler ihre eigenen Fähigkeiten entdecken können, Reformations-Ressourcen, u.a.). Diese Karten enthalten Linkadressen zu Online-Ressourcen samt einem QR-Code, mit denen man sich das entsprechene Material direkt aus dem Netz auf das Tablet oder Smartphone saugen kann.

Twittern wie Luther“ war eine ziemlich verrückte Idee und zog wohl deshalb auch viele Probanden an: Ausgehend davon, dass Martin Luther gnadenlos alle seinerzeit möglichen Mittel der Öffentlichkeitsarbeit ausnutzte, nahm unser Kreativteam an, dass er heute twittern würde. Deswegen bekamen die Probanden ein Pergament-Faksimile in die Hand gedrückt, schrieben dort ihre These auf und mussten sich damit vor eine seltsame Vorrichtung stellen, die aus einem Stativ bestand und einen kleinen Tablet-Fotoapparat enthielt samt weiterem Equipment, das an der Stativstange befestigt war. Darunter befand sich ein vom genialischen CI-Chefkybernetiker Frank Staude selbst zusammenprogrammierterter Raspberry Pi Minicomputer, der die ganze Technik regulierte. Und die funktionierte so: Während die Probanden in die Kamera lächelten und dabei versuchten, ihr Thesen-Pergament in vollem Umfang in die Kamera zu halten, mussten sie mit einem Fuß volle Pulle auf einen Auslöse-Schalter treten. Mit etwas Glück wurde dann ein schönes Foto getweetet. Mit ohne Glück konnten es auch gleich 10 Aufnahmen sein oder gar keine. Oder das Foto war nicht schön, beispielsweise wenn neben dem Thesenpergament meine Glatze abgelichtet wurde, weil ich vergaß, in die Kamera zu schauen statt auf das Fußpedal.
Die Thesen hefteten wir an unseren Stand, was mit der Zeit immer mehr Leser anlockte. Die Fotos wurden unter @thesentweets getwittert.

Wir waren genug Leute, um in drei Schichten am Stand zu arbeiten, so dass auch noch Zeit für individuelle Kirchentagsbesuche blieb.

Alle im Team zeigten sich außerordentlich einsatzbereit. Mittelpunkt und Motor der rpi-virtuell-Aktivitäten war Jörg Lohrer. Er erklärte mir auch die Verwendungsmöglichkeiten der Postkarten-Materialtipps, die ich aus Ahnungslosigkeit ziemlich wenig beachtet hatte. So führte meine erste Schicht in erster Linie dazu, dass ich allmählich mit den Gegebenheiten vertraut wurde. Ich bekam sogar eine Einführung von Andrea Lehr-Rütsche in die Geheimnisse der Materialpool-Backend-Bearbeitung, mit der Normal-Sterbliche gar nicht in Kontakt kommen.
Am zweiten Tag (Freitag) kannte ich mich gut aus. Da kam es zu vielen spannenden Gesprächen (und Thesen-Fotosessions), und ich hatte ein sehr gutes Gefühl, was unseren Stand betraf. Am dritten Tag – zumindest während der letzten Schicht, zu der ich mich hatte einteilen lassen – gab es weniger Besucher. aber schon so um die Mittagszeit war ohnehin die magische Zahl von 95 Thesentweets überschritten worden, was meine Standmannschaft (mich eingeschlossen) im Bewusstsein, am „Zugabenteil“ mitzuwirken, zu einigen Kühnheiten verleitete.


Schließlich ging es noch ans Abbauen. Da konnten wir nochmal zeigen, dass wir auch richtig was anpacken können, so dass wir sogar fast „in time“ vor einem geplanten und terminierten, gemeinsamen Abendessen die Standabnahme hinbekamen.

Resümee

Hier möchte ich vorausschicken, dass der Stand des Comenius-Instituts nicht nur aus der Spielwiese von rpi-virtuell bestand, sondern auch ein Kirchenbildungscafe umfasste und eine Infotheke, hinter der CI-Chef Peter Schreiner eine beeindruckende Präsenz bewies. Mir scheint diese Zusammenstellung aus rpi-virtuell-Spielwiese, CI-Infotheke und Refugium mit kostenlosen Getränken eine sehr gesunde Mischung gewesen zu sein: Das Cafe war fast immer voll. Es kam zu einigen bemerkenswerten Interiews. Dafür, dass der Stand im Grunde genommen nur für religionspädagogisch Interessierte von Bedeutung war, erzielten wir eine sehr gute Resonanz.
Wir können den Etrag unserer Aktivität zwar nicht so schön quantifizieren wie zB ein Buchverlag mit seinen Verkäufen. Aber wir schafften es nicht nur, viele Leute anzusprechen und thesentechnisch zu verewigen, diese Probanden nutzen ja auch jetzt noch die Gelegenheit, sich per Twitter immer mal wieder anzusehen oder ihren Online-Auftritt anderen vorzuführen. Die Postkarten-Materialtipps wurden stark nachgefragt und z.T. stoßweise mitgenommen – von anderen Standbetreibern, die das Material bei ihren eigenen Präsenzen anboten: Ein hübscher Multiplikationseffekt.
Man kann nun kritisch einwenden, dass neben dieser „Übermacht“ der rpi-virtuell-Dienste andere Angebote des Comenius-Instituts zu stark in den Hintergrund traten, aber ich denke, dass rpi-virtuell mit seinem neuen Materialpool auch am stärksten beworben werden musste. Vielleicht hätte man dazu noch extra ein Werbeinterview auf unserer roten Couch führen können – aber lässt sich dies nicht jederzeit mit mehr Ruhe und Professionalität nachholen?

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