Kleine Geschichte des Buß- und Bettages

Buß- und Bettage gelten zwar als “evangelische” Bußtage. Es gab sie allerdings schon lange, bevor die evangelischen Kirchen entstanden. Schon im Mittelalter gab es zwei Arten von Buß-Feiertagen: Kirchliche Bußtage, die im Festkalender jedes Jahr gefeiert wuden (zB der Aschermittwoch), und Buß- und Bettage, die aus aktuellem Anlass von der Obrigkeit angeordnet wurden.

Reformationszeit

Kaiser Karl V.

Die evangelischen Reformatoren wandten sich gegen kirchliche Bußfeste, weil sie der Auffassung waren (und sind), dass man durch Werke (auch der Buße) Gottes Gnade nicht erwerben kann (sondern allein durch Gottvertrauen). Als jedoch Kaiser Karl V. einen Bußtag für das ganze Reich anordnete, weil die Türken Deutschland bedrohten und im Jahr 1529 Wien belagert hatten, wurde in Straßburg als erster protestantischen Stadt 1532 der erste “evangelische” Bußtag gefeiert. Wenig später schlossen sich andere evangelische Territorien dieser Sitte an. Seither galt das Prinzip: Kirchliche Bußtage gibt es nicht. Wenn aber der Kaiser oder der Fürst einen Bußtag aus aktuellem Anlass anordnet, dann wird er gefeiert.

Belagerung von Wien 1529

Obwohl das Feiern von Bußtagen kein “Verdienst vor Gott” darstellte, hatte es (in den Augen der damaligen Menschen) seinen Sinn: Bei den “aktuellen Anlässen” der damaligen Zeit handelte es sich meist um Katastrophen (Kriegsverwüstung, Hunger, Seuchen, etc.), die als selbstverschuldet angesehen wurden. Der Bußtag von 1532 etwa sollte die Christenheit zur Besinnung rufen, die untereinander Kriege führte, statt den gemeinsamen Feind – die ungläubigen Muselmanen aus der Türkei – zu besiegen.

Theologische Motive für Bußtage bis zum 19. Jahrhundert

Die Vorlage für diese Art von Feiern fand sich in den Psalmen und den Prophetenbüchern des Alten Testaments: Dort wird beschrieben, wie das Volk Israel sündigt und so seine Bundestreue zu Gott verrät.

Für die Übertragung dieser Überlieferungen auf die damalige Gegenwart wurden folgende Gesichtspunkte wichtig:

  1. Alle Christen sind zwar vom “ewigen Tod” erlöst, weil sie an Jesus Christus glauben. Das schützt sie aber nicht vor Katastrophen während des irdischen Lebens
  2. Wie die alten Israeliten glauben die Christen an Gott. Aber ihre Streitereien, Kriege untereinander und anderes verwerfliches Handeln zeigen, dass sie Gottes/Jesu Anweisungen nicht mehr befolgen.
  3. Wie schon bei den alten Israeliten verkündigt die religiöse Elite der Christen einen weichgespülten, instrumentalisierbaren Gott der “billigen Gnade” und verbreitet dadurch eine falsche Heilssicherheit.
  4. Drohende (oder schon eingetretene) Katastrophen (Bedrohung, Krieg, Hunger, Seuchen) werden als strafende Reaktion Gottes auf menschliches Handeln gedeutet.
  5. Buße ist hier nicht als Wiedergutmachung zu verstehen, sondern als Selbstreflexion, die zu einer Umkehr im Denken und Handeln führt, und als Flehen zu Gott, dass er den Glaubenden wieder seine Gnade erweist.

Im Text des oben angezeigten Liedes kommt diese Haltung beispielhaft zum Ausdruck.

  • Was halten Sie von der Idee einer göttlichen Einwirkung in die Welt als Strafe für menschliches Verhalten? Nehmen Sie dazu an dieser Umfrage teil.
  • Klicken Sie auf den obigen Link und lesen Sie den Liedtext durch. Für welche Personen/Personengruppe wird im Lied Fürbitte geleistet?
  • Wenn man den Liedtext mit der unten (im 20. Jahrhundert) formulierten Aufgabe des Buß- und Bettages vergleicht: Inwieweit hat sich diese seit der Verfassung des Liedtextes gewandelt?
    Sie können Ihre Überlegungen – z.B. mit memopad oder mit evernote – schriftlich festhalten oder der offenen google+ Gruppe “Was ist Buße” diskutieren.

Der Buß- und Bettag wird protestantisch

Die Zeitalter, welche auf die Reformation folgten, waren ausgesprochen reich an Katastrophen. Vor allem der Dreißigjährige Krieg führte dazu, dass viele Bußtage abgehalten wurden, zT mehrmals wöchentlich. Alle diese Feiertage waren von den jeweiligen Landesfürsten angeordnet, denn seit der Reformation waren diese als “Summepiskopus” zugleich die Kirchenoberhäupter der Evangelischen in Deutschland.

Man kann sagen, dass das viele Bußtagsfeiern und die latente Bereitschaft zum “Büßen” allmählich zum Qualitätsmerkmal der Evangelischen wurden. Schwarz blieb die Feiertags-Kleiderfarbe der Gläubigen; der Karfreitag, an dem Jesus für die Sünden der Menschheit hatte leiden und sterben müssen, wurde inoffiziell zum höchsten Feiertag des Kirchenjahres, und bis in die jüngste Vergangenheit haftete dem Protestantismus etwas schuldbeladen Büßerisches und moralinsauer Steifes sowie ein Hang zur Lustfeindlichkeit an.

Typische Protestanten: Oliver Cromwell und sein Team bei dem Versuch, den schweizer Glaubensgenossen zu helfen (Gemäde von C.West Cope, 1872)

Vereinheitlichung der Buß- und Bettage

Im 19. Jahrhundert hatten sich unterschiedlche, regelmäßig gefeierte Buß- und Bettage herausgebildet. So konnte man 1878 in 28 deutschen Ländern insgesamt 47 Bußtage an 24 unterschiedlichen Tagen zählen. Eine landesweite Vereinheitlichung erfolgte erst während der Nazizeit 1934, als der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag im gesamten Deutschen Reich (immer 10 Tage vor dem 1. Advent) eingeführt wurde.
Auch nach dem Ende der Nazidiktatur wurde der Tag bebehalten. Man hatte dann ja auch Grund genug, Reue zu zeigen. Die Funktion dieses Feiertages wurde folgendermaßen umrissen:

a) Er ist ein Tag fürbittenden Eintretens der Kirche für die Schuld unseres Volkes vor Gott.

b) Am Bußtag soll die Kirche in besonderer Weise ihr Wächteramt den öffentlichen Sünden unserer Zeit gegenüber ausüben.

c) Der Bußtag ist ein Teil der Gewissensprüfung für den einzelnen vor Gott; denn auch der einzelne Christ hat für den Willen Gottes in seinem Volk zu wirken.

(RGG³ Bd.I, Sp.1540)

Die Abschaffung des Buß- und Bettages als allgemeiner Feiertag

Ganz abgesehen von der Schwierigkeit, einen “routinemäßigen”, von aktuellen Katastrophen losgelösten Bußtag zu feiern, versuchte sich der Protestantismus ab den 1970er Jahren mehr und mehr von seinem finsteren Image zu lösen.
Man versuchte die Attitüde der büßerischen Steifheit als spießbürgerliche Heuchelei zu entlarven. Statt finsterer Lustfeindlichkeit wurde/wird ein strahlendes Evangelium der Gnade, der Freiheit und der Menschenwürde verkündigt.

  • Was für ein Kirchenbild vermittelt Hanns-Dieter Hüsch in dem obenstehenden Video-Auftritt, in dem Gott zum Austritt aus der Kirche genötigt wird? Notieren Sie dazu fünf passende Eigenschaften – z.B. mit memopad oder mit evernote.
  • Wie sehen Sie Ihre Kirche? Hat Hüsch recht? Oder unterscheidet sich Ihre Kirchenvorstellung (inzwischen) von dem im Video vermittelten Bild? Versuchen Sie, wichtige positive und negative Gesichtspunkte in Bezug auf Ihr Bild von Kirche zu sammeln. Fällt die Bilanz eher positiv oder negativ aus?
    Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Auffassung  mit anderen in der offenen google+ Gruppe “Was ist Buße” diskutieren.

Der Paradigmenwechsel von der düsteren Buß-Kirche hin zur hellen Gnaden-Kirche führte dazu, dass der Bußtag an Bedeutung verlor und die Jüngeren immer weniger begriffen, was eigentlich gefeiert werden sollte. Selbst innerhalb der evangelischen Kirchen war zwar die Freude über einen freien Tag im trüben November groß, der Besuch von Gottesdiensten am Buß- und Bettag aber äußerst schlecht.

Da lag es nahe, dass dieser Feiertag am ehesten von allen geeignet erschien, für die Einführung einer kostspieligen Sozialmaßnahme geopfert zu werden: Im Jahr 1994 beschlossen die deutschen Länderparlamente, ihn als arbeitsfreien Tag mit Wirkung ab 1995 zu streichen, um die Mehrbelastung für die Arbeitgeber durch die Beiträge zur neu eingeführten Pflegeversicherung durch Mehrarbeit der Arbeitnehmer auszugleichen. Nur der Freistaat Sachsen behielt ihn als gesetzlichen Feiertag bei, weswegen die Sachsen etwas höhere Sozialausgaben zahlen müssen als die Bürger anderer Bundesländer. Eine Klage gegen diese Entscheidung der Landesregierung wurde abgewiesen.

Der Buß- und Bettag als “evangelischer Feiertag”

Obwohl die Buß- und Bettage bisher immer obrigkeitlich angeordnet  gewesen waren, begannen sich nach seiner Abschaffung viele evangelische Kirchenleute auf “unseren alten” Feiertag zu besinnen und zu fragen, ob es denn wirklich nichts gäbe, was Christen zur kollektiven Buße veranlassen sollte. Im Zeitalter der Bedrohung durch atomaren Overkill, durch Ökokatastrophen, durch Überbevölkerung, Hunger, ungleich verteilten Reichtum und die ungehemmte Plünderung wertvoller Rohstoffreserven fanden sich ziemlich schnell eine ganze Menge gute Gründe dafür.

So werden an diesem staatspolitischen Werktag weiterhin Bußtagsgottesdienste gehalten, und evangelische Initiativen wie zB. busstag.de suchen aus der großen Auswahl an nationalen und globalen Problemen jedes Jahr eines aus, um weiterhin das “Wächteramt der Kirche für die öffentlichen Sünden unserer Zeit” gezielt und in kreativer Weise auszuüben.

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